Stefan Daniel

Schöne neue Welt, 2021–2025

Im Zentrum der drei eigenständigen Werkgruppen stehen Wahrnehmungsgewohnheiten, exemplarisch vorgeführt anhand unserer Betrachtung der alpinen Landschaft. Mit der titelgebenden Referenz auf Aldous Huxleys dystopischen Roman Brave New World (1932) ist die Kritik am unreflektierten Fortschrittsglauben ebenso impliziert wie am Topos der Realitätstreue des fotografischen Bildes. Gemeinsam ist allen Arbeiten, dass sie auf der kameralosen Fotografie, der Aufnahme mit einer Camera Obscura, und Inszenierungen beruhen. Ein doppelt aufwändiger Prozess, muss doch zuerst im Studio die Szenerie erschaffen werden, bevor der langsame Vorgang der Bildwerdung überhaupt beginnen kann.
In der sechsteiligen Serie Shifting Territories (2021) verändert sich das Bildmotiv sukzessive. Zunächst verschwindet das markante Gebirge, dann bildet sich der Hügel in eine Senke oder eine Art Düne zurück. Am Ende die grosse Leere, ein einsamer Horizont, unendliches Weiss, visuell – und in akustischer Imagination – ohne Widerhall. Die leichte Körnigkeit verleiht den Heliogravüren eine altertümliche Anmutung, sie erinnern an Postkarten oder Fotoalben der Grosseltern. In das letzte «leere» Bild ist nicht nur eine ökologische Perspektive eingeschrieben, sondern neben der Fototechnik eine weitere fotohistorische Referenz; waren doch die ersten fotografischen Verfahren äusserst berührungsempfindlich und chemisch instabil, sodass von vielen Aufnahmen nur noch der Träger, also eine blinde Oberfläche, erhalten ist.
Bezüge zu Mediengeschichte finden sich auch in den Lightscapes (2022). Die vermeintliche Szenerie im Hohen Norden mit farbigem Polarlicht ist akribisch konstruiert, aus gebrauchtem Geotextil (vom Rhonegletscher) geformte Landschaften, sorgfältig ausgeleuchtet mit projizierten Nachtaufnahmen von rot und blau schimmernden Gewächshausanlagen in den Niederlanden und Canada. Während sich bei historischen Fotografien Farbakzente als malerische Ergänzungen entpuppen, offenbart auch bei den Lightscapes erst der genaue Blick die «künstliche» Beschaffenheit der Landschaft. Somit steht die Frage im Raum, ob wir Abbildungen eines Naturphänomens und der Lichtemissionen industrieller Agrikultur visuell differenzieren können.
Die jüngste Werkgruppe, die sich mit den Auswirkungen der Klimaerwärmung auf die Gebirgslandschaft beschäftigt, zitiert den romantischen Topos des hoch aufragenden solitären Gipfels. Monumental und mystisch in ihrer Erscheinung sind aber auch die Unseen Landscapes (2025) Ergebnisse minutiöser Planung und fotografischer Experimente. Einige der C-Prints scheinen die sogenannte Blaue Stunde einzufangen, deren erste wissenschaftliche Erklärung ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Da dieses Phänomen, die Wechselwirkung von Lichteinstrahlung und Ozonschicht, erst in den 1950er-Jahren wissenschaftlich bewiesen werden konnte, spannen auch diese Arbeiten einen wissenschaftshistorischen Bogen: Beobachtung und Hypothese, Experiment und Theorie folgen nicht nur den Entwicklungen der Forschungsfelder, sondern auch gesellschaftlichen Diskursen und politischen Parametern. Aber auch mit der Sehnsucht der Romantik nach Unendlichkeit und Transzendenz lassen sich die Werke in Bezug setzen. So ist die romantische Landschaft oft einsam und unnahbar, Natur, Witterung und Licht sind symbolisch aufgeladen, was in der sogenannten Blauen Blume als zentrale Sprach- und Bildformel kumuliert.
Farbig und schwarz-weiss, leicht körnig und hochpoliert: Die hier zusammengefassten Werke präsentieren ästhetische Formeln, die in unserem Bildgedächtnis gut verankert sind. Fakt und Fiktion, Authentizität und Fake: Was die Arbeiten zeigen, ist ebenso ein Produkt unserer Wunschvorstellungen wie deren Entlarvung als phantasievolle Projektion. Während die physiologische Seite der Wahrnehmung gleichbleibt, ist deren Interpretation immer von der Verfasstheit der Betrachtenden «komprimiert». Sehen findet im Hier und Jetzt statt, beeinflusst von Umwelt und (Geo-)Politik. In den letzten zweihundert Jahren waren Entdeckungsdrang und Fortschrittseuphorie, technologische Innovation und Erschliessung neuer Ressourcen Teil dieser Entwicklung, wodurch die Welt gleichzeitig grösser und kleiner geworden ist.

Text: Irene Müller

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